Sapphische Sports-Romance mit Schwerpunkt auf Mental-Health, Essstörungserkrankung und Druck im Profisport sowie Freundschaft, Geschwisterbeziehung und liebevoller Hommage an die Taylor Swift Fangemeinde.
Fünfundzwanzig Yards zwischen uns von Lea Diamandis wird als sapphische Sports-Romance in den Online-Shops gelistet. Und das ist es auch - und noch so viel mehr! Tatsächlich hatte ich nicht mit so einer tiefgreifenden, aufwühlenden Thematisierung von solch ersten Themen wie Essstörung, Druck im Profisport, toxischen Familiendynamiken und Mental Health gerechnet. Für mich ist das Buch auf jeden Fall auch ein Entwicklungsroman, der den Schwerpunkt auf die persönlichen Entwicklung einer direkt Betroffenen und einer nahen Angehörigen legt, und ein Drama mit einer sensiblen aber auch brutal-direkten Konfrontation der Lesenden mit sehr schweren, aber wichtigen Themen.
Charlie ist das jüngste von drei Geschwistern. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren auf tragische Art gestorben, seine Zwillingsschwester wäre daran fast zerbrochen. Charlie ist somit eine Erwachsene, die als Kind bereits einen großen Verlust erlebt hat. Ihr großer Wunsch ist es, Profi-Sportlerin zu werden. Dann wird ihr Traum wahr. Sie soll von Jeanne Martin trainiert werden. Die ehemalige Sportlerin hat durch einen Unfall ihre körperliche Unversehrtheit und ihre Chance auf olympisches Gold verloren. Was Charlie nicht weiß: Auch Maxine, die Tochter von Jeanne, wird mit ihr gemeinsam trainiert. Die beiden ehrgeizigen Frauen werden Konkurrentinnen im gleichen Team ...
Der Roman verfügt über eine natürlich eingebundene queere Liebesgeschichte, einige weitere queere Nebenfiguren (Asexualität, Bisexualität, Homosexualität), Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und zwei körperlich behinderte Nebenfiguren und ist damit auf eine sehr unaufgeregte Weise sehr divers und vielfältig. Ich fand das sehr wohltuend und ich habe mich sehr über den tollen Cast gefreut. Da es sich um eine sapphische Liebesgeschichte handelt, sind die zwei Hauptpersonen Frauen und ich empfand ihre Charakterzeichnung als tiefgründig und sehr lebendig.
Außerdem sollte noch angemerkt werden, dass Fünfundzwanzig Yards zwischen uns die Fortsetzung von Verloren im Fünfvierteltakt ist. In dem Vorgängerbuch wird die Geschichte von Charlies Geschichte unmittelbar nach dem Unfalltod des Bruders Oliver erzählt. Charlies ältere Schwester Luzie ist hier die Hauptfigur. Luzie tritt auch im vorliegenden Nachfolgeband als wichtige Nebenfigur auf. Da ich den ersten Teil (noch!) nicht gelesen habe, kann ich nur vermuten, dass die Geschwisterbeziehung der beiden Schwestern und des verstorbenen Bruders der rote Faden durch beide Bücher ist. Das Buch kann aber trotzdem vollkommen unabhängig gelesen werden.
Wichtig zu erwähnen ist außerdem die Content Warnung, die die Autorin direkt am Anfang aufdruckt und die aus meiner Sicht unbedingt auch ernst genommen werden sollte. Das Thema Essstörung, Magersucht und damit zusammenhängende Gefühle und Ängste wird sehr ausführlich behandelt und auch in einer Intensität, die mich einige Male hat schlucken lassen. Ich halte das Thema für außerordentlich wichtig, auch für Nicht-Betroffene, aber ich empfehle, vorbereitet in einer guten Stimmung in das Buch zu gehen und vielleicht nicht unbedingt alleine zu sein, wenn ihr lest.
Dabei sind die Kapitel aus Sicht von Maxine die wesentlich härteren. Obwohl Charlie ebenfalls einen Verlust erlitten hat, geht sie anders mit den Herausforderungen heran und fungiert als aufhellende Stimmung. Ich habe beim Lesen immer zwei Kapitel gelesen. Zuerst eines aus Sicht von Maxine, dann eines zum Schluss aus Sicht von Charlie. Da sich die Kapitel fast immer abwechseln, hat das immer sehr gut geklappt. Charlies Perspektive ist nicht nur für Maxine ein Segen, sondern auch für uns Lesende!
Das Cover ist blau gehalten. Oben rechts ist es heller, unten links tiefblau. Ein Muster mit Blasen wie der Blick auf dem Meer ist zu sehen. Der Titel des Buches: Fünfundzwanzig Yards zwischen uns ist in gold bzw. weiß geschrieben, wobei die Worte zwischen und uns in Schnörkel geschrieben ist. Oben recht unauffällig ist der Name der Autorin ersichtlich: Lea Diamandis und unten der Verlag: Dunkelstern Verlag.
Das Cover könnte die tiefe See symbolisieren, in der Maxine verloren geht, aber ist sicherlich auch eine Andeutung an das Setting. Der Strand und das Meer werden mehrmals erwähnt auch im Rahmen von schönen, versöhnlichen und romantischen Szenen. Aus diesem Grund könnte die Idee der unterschiedlichen Farbgebung entstanden sein (dunkel vs. hell). Der Titel ist ohne Zweifel eine Andeutung an die Differenz zwischen Maxine und Charlie, die sich stellenweise kilometerweit anfühlt, obwohl die Frauen tiefe Gefühle füreinander haben. Aber manchmal ist Liebe leider nicht genug.
Besonders gefallen hat mir neben der Thematik und dem vielfältigen Cast der Schreibstil. Lea verwendet teilweise eine unglaublich schöne Sprache und zeichnet Bilder, die so sehr ans Herz gehen und auch die Gefühle der Charaktere sehr ergreifend nahelegen. Da werden zum Beispiel Blaubeermuffins beschrieben, die im Mund zu Asche verfallen. Eine sehr ergreifende Darstellung der Emotionen der Figur Maxine, die sich so echt und nah anfühlen. Aber auch schöne Momente werden in so schönen Worten aufs Papier gemalt, dass es einen das Herz erweichen lässt. Gemeint sind die zarten Momente zwischen Maxine und Charlie (Freizeitpark, erster Kuss z.B.) aber auch eine Szene, die mir auch wirklich lange in Erinnerung bleiben wird, ist die zwischen Maxine und ihren Halbrüder, die sich gemeinsam Pokémon-Karten ansehen.
Auch Freundschaft spielt eine wahnsinnig große Rolle, was mir sehr gefallen hat und was sehr wichtig für die Figur Charlie ist, denn sie als Angehörige braucht selbst Hilfe und Unterstützung. Das ist ihre Familie. Das sind aber auch ihre Freund*innen. Daraus resultieren sehr schöne Momente, die mir gut gefallen haben.
Auch Taylor Swift Songs und das ganze Fandom darum herum, wie zum Beispiel Freundschaftsarmbänder und Swift-Partys mit Kostümen aus Taylors unterschiedlichen Eras (gemeint sind Alben, die
von Swifties in Eras eingeteilt werden). Die Figuren sind zu einem großen Teil Swifties und hören gerne die Musik. Manchmal werden Songs genutzt, um eine romantische Szene oder Traurigkeit näher
zu beschreiben. Ich selber bin keine Swiftie. Ich höre die eine oder andere Platte manchmal beim Putzen und ich habe mir mal eine Doku über Taylor Swift angeschaut. Mein Wissen geht also kaum
über ein Basiswissen hinaus und trotzdem hat es mich an keiner Stelle gestört. Ich weiß, dass einige Nicht-Swifties abgeschreckt sein könnten, aber diese Sorge kann ich wirklich nehmen. Man muss
kein tiefes Wissen mitbringen. Die Geschichte funktioniert auch für Nicht-Taylor-Fans hervorragend!
Wenn ich etwas kritisieren müsste, wären das vermutlich die Eltern von Maxine und deren Darstellung. Maxines Vater hat kaum eine Chance sich zu erklären. Als wirklich schrecklich ist er mir jedoch nicht vorgekommen, obwohl es von Maxine behauptet wird. Die Unvoreingenommenheit der beiden Jungs (Halbbrüder von Maxine) hat für mich deutlich gezeigt, dass Maxine in der Familie als eher positiv dargestellt wird. Wenn Vater und Schwiegermutter allzu negativ über Maxine reden würden, hätten die Jungs vermutlich nicht so offen und freundlich auf ihre Halbschwester reagiert. Deswegen empfand ich die Ablehnung von Maxine an der Stelle als etwas, was ich nicht ganz greifen konnte. Außerdem empfand ich die Darstellung von Maxines Mutter als teilweise zu übertrieben böse. Ich weiß, dass es toxische Familienstrukturen gibt und auch im Profisport Ausbeutung und Missbrauch zwischen Trainerperson und Sportler*in vorkommen kann, aber diese Bösartigkeit kam mir etwas zu unmenschlich vor.
Aber ... wir lernen Maxines Eltern aus der Sicht von Maxine kennen. Natürlich kann sie an der Stelle auch eine voreingenommene, unzuverlässige Erzählerin sein. Wer möchte es ihr verübeln? Aus diesem Grund kann die kritische Anmerkung ignoriert werden. Es hat mich lediglich etwas stutzig gemacht.
Im Gegensatz zu Maxines Familie die an Jeannes Unfall zerbrochen ist, steht Charlies Familie. Auch sie haben ein Verlust erlitten (ehrlicherweise sogar einen viel schlimmeren!), aber sie halten zusammen, gehen liebevoll miteinander um und achten aufeinander. Das war sehr wohltuend, neben dem toxischen Familienbild auch dieses positive Familienkonstrukt zu erleben. Einige der besten Szenen sind die, in denen Charlie an ihren verstorbenen Bruder denkt, oder mit ihrer Schwester telefoniert.
Der Roman behandelt die Ausprägung von Magersucht und die Erkenntnis der Betroffenen darüber, dass sie krank ist. Der Heilungsprozess, der weitere Umgang der soweit ich weiß nicht heilbaren, nur eingedämmten Krankheit und eventuelle Folgeerkrankungen, sowie der Alltag einer nicht mehr akuten Erkrankung sind ebenfalls spannende Themen, werden in dem Roman aber nicht bzw. nur sehr kurz angedeutet behandelt. Aus diesem Grund war ich kurz etwas traurig, dass der Roman an der Stelle endete, an der er endete, aber vielleicht wäre dieses Thema für einen einzigen Roman auch zu komplex. Alles in allem bin ich froh, dass sich die Autorin für nur ein Thema (Erkenntniswerdung der Erkrankung) entschieden hat, das aber dafür ausführlich und ernsthaft behandelt.
Dem Roman folgt ein Nachwort, das teilweise sehr persönlich gehalten ist, aber auch die Lesenden versöhnlich entlässt.
Ich möchte das Buch empfehlen. Es ist einfach wunderschön geschrieben, beinhaltet ein wichtiges Thema und lässt einen eine Erkrankung aus Sicht einer Betroffenen und einer Angehörigen, aber auch die wunderschöne Liebe zwischen Maxine und Charlie erleben. Ich danke Lea, dass sie das Buch geschrieben hat. Ich wünsche mir so viele Lesende für das Buch. Und nein, es ist natürlich nicht das letzte Buch, das ich von der Autorin gelesen habe.
Liebe Lea: Vielen Dank für den persönlichen Austausch über den Inhalt des Buches. Bitte mach weiter so und verfasse weitere so wichtige und schön geschriebene Bücher!

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