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Ein Diadem aus Blut und Mondschein von Evelyne Aschwanden

Düstere Fantasy mit sapphischer Slow-Burn, die an Tribute von Panem erinnert und viel Wert auf Gesellschaftskritik und eine vielfältige Repräsentation legt, sowie durch eine spannende, horrorgeladene Atmosphäre überzeugt.

 

Evelyne Aschwanden schafft es eine Tribute von Panem Anlehnung zu schreiben, erfindet das Plot-Gerüst dann aber doch komplett neu und überrascht an der einen oder anderen Stelle. Es ist Tribute von Panem ähnlich genug, um es als jemand, die die Trilogie geliebt hat, ähnlich zu lieben, biegt aber an entschiedenen Wendepunkten anders ab.

 

Als Marisol für den jährlich stattfindenden begehrtesten Schönheitswettbewerb von Solidaris nominiert wird, glaubt sie an einen Scherz. Sie hält sich für nicht elegant und auch nicht für schön genug. Tatsächlich ist sie nicht normschön. Schlimmer wird es, als sie ausgerechnet mit Yelena einen Mord beobachtet, der den ganzen Wettbewerb auf den Kopf stellt. Yelena ist das Gegenteil von Marisol: Favoritin, schlank und makellos. Doch auch wenn sie sich zunächst misstrauisch gegenüber stehen, müssen sie von nun an zusammen arbeiten, denn der beobachtete Mord ist vielleicht nicht der Letzte. Was, wenn alle Teilnehmerinnen in einem tödlichen Spiel gefangen sind?

 

Evelyne Aschwanden ist mir bereits vor einiger Zeit aufgefallen. Sie schreibt düstere Fantasy und ihr ist es wichtig, in ihren Büchern Vielfalt aufzuzeigen. Queere Repräsentation in dystopische Gesellschaftskritik und Märchenadaption? Das machte mich sofort neugierig. Im vorliegenden Buch ist die sapphische Liebesbeziehung zwischen Marisol und Yelena jedoch nicht die einzige Repräsentation. Im Schönheitswettbewerb nehmen auch POC-Figuren und eine Rollstuhlfahrerin teil.

 

Das Cover zeigt Marisol in einem dunkelgehaltenen Schlossflur mit verschnürkelten Wänden und zig Kerzen, die die Dunkelheit trotz ihrer enormen Anzahl nicht vertreiben können. Wir sehen Marsol von hinten. Sie trägt ein wunderschönes Ballkleid und hält ein Beil in der Hand. Im Cover selbst ist also bereits die Kombination aus Schönheitsewettbewerb und tödlichem Spiel klar erkennbar. Der Gang ist lila gehalten. Der Name der Autorin (Evelyne Aschwanden) und der Titel des Buches (Ein Diadem aus Blut und Mondschein) sind weiß und eher schlicht gehalten.

 

Als Genre wird in den Shops Fantasy anagegeben, ich empfand die Atmosphäre manchmal auch als Horror. Die Gewaltdarstellungen sind teilweise sehr präzise und die ständige Gefahr, in der sich die Teilnehmerinnen befinden, prickelt in jeder Sekunde in der Luft. Ich fand das sehr gut, ich mag es, wenn Figuren sich wirklich in echter Gefahr befinden und Autor*innen kompromisslos bleiben. Das macht das Mitfiebern leichter. Aber es ist teilweise wirklich blutig. Das sollte man sich bewusst sein, bevor man liest.

 

Der Schreibstil ist sehr gut lesbar und entführt ab der ersten Seite in den spannungsgeladenen Plot. Bereits der Prolog hat eine Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen konnte. Die Hauptfigur ist nahbar mit tiefen Charakterzügen und sympathischen Wertevorstellungen. Wir können uns gut in sie hineinversetzen, ist sie immerhin von Anfang ein wenig die Figur, die eigentlich nicht wirklich dazugehört. Doch sie ist auch nicht die allesüberstrahlende Heldin, sondern sie kann den Kampf nur mit einer Menge Verbündeten gewinnen. Nicht nur Yelena, sondern auch ein Teil der anderen Mädchen und die Gewinnerin des letzten Jahres sind an ihrer Seite. Die jungen Frauen ergänzen sich und gleichen gegenseitige Schwächen aus. So wirkt Marisol sehr menschlich und dadurch, dass sie auch Fehler macht und ab und zu mal auch ausgebremst wird, nimmt man ihr den Kampf gegen den Antagonisten auch ab.

 

Der Antagonist ist meine einzige größere Kritik. Im Gegensatz zur Protagonistin hat er kaum tiefe Charakterzügen und wirkt eher wie ein unpersönliches Monster als jemand, dem man die Bösartigkeit abnehmen kann. Hier hätte ich mir vielleicht etwas mehr Charakter, etwas mehr Hintergrund, etwas mehr Grauzeichnung gewünscht. Er ist der Böse im Hintergrund, ein Monster, ein sehr starkes Gegengewicht zu Marisol, aber als Charakter kaum vorhanden.

 

Das Kräfteverhältnis zwischen Antagonist und Marisol (inkl. Verbündeter) ist sehr ausgewogen und gut durchdacht. Gut platzierte Wendungen machen es spannend und trotzdem realistisch. Marisols Stärke wird genauso gut beschrieben, wie die Schwächen des Antagonisten und seine Stärke trifft die Gruppe aus Teilnehmerinnen an genau der richtigen Stelle. Ein sehr gut durchdachter Plot, der das Buch von Anfang bis Ende spannend macht!

 

Die Liebesgeschichte ist Nebenhandlung, aber wunderschön eingeflochten und ganz zart erzählt. Ich wünschte mir wirklich sehr, ich hätte diese Art von Büchern schon als Jugendliche lesen können! Eine so natürliche, positive Repräsentation, die nicht nur die sapphische Liebesgeschichte beinhaltet, sondern auch aufzeigt, wie Heteras Verbündete werden können. Das "gemeinsame Coming Out" hat mich hier sehr gerührt und zeugt von einem starken Zusammenhang der Frauengruppe. Homophobie wird am Rand erwähnt, ist aber kein Hauptbestandteil der Liebesgeschichte. Diese Liebe darf atmen und wird von den zwei jungen Frauen genossen - ohne die Schwierigkeiten, die lesbische / bisexuelle Frauen auf Grund von gesellschaftlicher Diskriminierung zu verleugnen. Das hat mir ebenfalls sehr gut gefallen!

 

In dem Buch ist unfassbar viele Gesellschaftskritik eingebaut. Es fehlen Rampen für die Teilnehmerin, die einen Rollstuhl zur Fortbewegung nutzt, Marisol wird von der eigenen schlankheitspillenschluckenden Mutter auf Grund ihres Gewichts diskriminiert und natürlich schwebt über allem auch eine massive Kritik an Schönheitswettbewerben wie GNTM. Die Autorin erhebt dabei nie den Zeigefinger, sondern ihre berechtigte Kritik ist natürlich eingebunden. Wir lesen in erster Linie Unterhaltungsliteratur, kein Abhandlung über gesellschaftliche Themen, die in Solidaris (die in vieler Hinsicht unserer Welt nicht unähhnlich ist!) schief laufen. Auch das hat mich sehr überzeugt. Ich mag Gesellschaftskritik und ich mag es, wenn es so nebenbei in der Handlung mit eingeflochten wird.

 

Abgesehen von der Kritik an dem Antagonisten bin ich ziemlich überwältigt, was das Buch angeht und kann es jedem empfehlen. Besonders Leute, die Tribute von Panem lieben, werden das hier einfach verschlingen. Viel Spaß beim Lesen!

 

Es gibt weitere Bücher der Autorin, die mich neugierig gemacht haben. Es war mein erstes Buch, aber ganz sicher nicht das letzte Buch. Als nächstes lese ich sicherlich Die Herrin des Waldes (siehe Bild). 

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