· 

Das Gefühl der Unnahbarkeit von Dena Taherianfar

Nora lebt in Teheran ein zurückgezogenes Leben und ist zunächst wenig begeistert, als Ava als neue Schülerin neben ihr gesetzt wird. Doch dann freunden sich die zwei miteinander an und Nora bemerkt, dass sie mehr als nur Freundschaft für Ava empfindet.

 

Dena Taherianfar wurde in Teheran geboren und lebt in Wien. Für den vorliegenden Roman wählt Dena Teheran als Setting und nimmt direkt Bezug auf die aktuellen Ereignissen im Iran. Das macht den Roman einerseits zu etwas ganz besonderem, andererseits zu einem Own Voice Roman. Neben Das Gefühl von Unnahbarkeit hat Dena einen weiteren Roman veröffentlicht und ist vielseitig kreativ und macht neben dem Schreiben noch Musik und Grafikdesign. 

 

Nora lebt ein zurückgezogenes Leben in Teheran zusammen mit ihren Eltern. Sie geht auf eine Mädchenschule und leidet zunehmend unter der Pubertät. Als Ava als neue Schülerin neben ihr sitzen soll, ist Nora zunächst nicht begeistert, doch dann freunden Ava und Nora sich an und Nora stellt fest, dass sie mehr für Ava empfindet und Ava diese Gefühle erwidert. Doch im Iran sind solche Gefühle verboten und Nora leidet unter körperlichen Abwehrreaktionen, während um sie herum die Straßen Teherans unruhig werden. Wird sie den Mut finden, für ihre Liebe und für ihre Freiheit einzustehen?

 

Das Buch spielt 2022 mitten in Teheran, wo die 22-jährige Kurdin Mahsa Amini nach ihrer Festnahme wegen "unislamischer Kleidung" verstirbt, was monatelange Massenproteste unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit" nach sich zog. Das mutige Volk Irans geht seitdem immer wieder bis heute auf die Straße und kämpft verbittert um Freiheit. Hauptsächlich Frauen widersetzen sich beispielsweise der Kopftuchpflicht, aber auch viele Männer unterstützen die Frauen in ihrem Wunsch nach Freiheit. Immer wieder greift das Regime hart durch, schlägt die Proteste brutal nieder und verhängt tausende Todesurteile, die teilweise willkürlich und ohne Gerichtsverfahren meist über sehr junge Protestierende (manchmal sogar Minderjährige) gesprochen wird. Kurz bevor ich das Buch begonnen hatte zu lesen, flammten die Proteste wieder auf, was erneut zu Massakern führte. Zehntausende Demonstrierende starben. An dem Tag, an dem ich das Ende des Buches las, wurde der religiöse Führer des Regimes Ali Chamenei während eines israelisch/amerikanischen Luftangriffs getötet. Chamenei regierte den Iran viele Jahrzehnte als Iran und ist verantwortlich für schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte. Sein Tod kann für das iranische Volk die Chance bedeuten, sich aus dem grauenhaften Regime zu befreien. Da es aber durch die jahrzehntelange Unterdrückung keine nennenswerte Opposition gibt, ist noch nicht ganz klar, in welche Richtung es gehen wird. Ich bin sehr beeindruckt von der Zivilgesellschaft im Iran und habe großen Respekt davor, dass die Proteste trotz des sehr brutalen Vorgehens bis heute nicht beendet werden konnten und immer aufgeflammt sind. Deswegen hoffe ich sehr, dass sich alles zum Guten wendet.

 

Für meine Rezension habe ich mich entschieden, die aktuellen Ereignisse außen vor zulassen und meine kurze Zusammenfassung der Ereignisse kann eine selbstständige Recherche nicht ersetzen. Der Iran ist ein wunderbares Land mit einer mutigen Bevölkerung. Es verdient unsere Aufmerksamkeit!

 

Das Buch ist ein Coming of Age Roman, enthält eine wunderschön geschriebene Freundschaft, die sich in eine Liebesgeschichte wandelt und schließlich auch wahre, politische Ereignisse integriert. Nora ist dabei die Hauptprotagonistin, Ava das Love Interest, das Nora bei ihrer Entwicklung hilft. Somit würde ich das Buch auch als Entwicklungsroman einstufen, jedoch umfasst die Geschichte nur wenige Monate. 

 

Neben der queeren Repräsentation von Nora und Ava, deren Queerness in einer sapphischen Liebesgeschichte mündet, enthält der Roman auch Themen wie Mental Health, Panikattacken und Pubertät, sowie ein Coming Out (das mich sehr gerührt hat) und auch einen Alltag im Iran, was ich sehr spannend fand. Dena schafft es, deutliche Kritik am Regime zu üben, ihre Liebe für das Land trotzdem einfließen zu lassen. Es hat mich sehr gefreut, mehr über Feiertage, Esskultur und den Alltag von Nora, Ava und deren Familien zu erfahren.

Auf dem Cover sehen wir vor einem blau, grauen Hintergrund ein Gebäude, das Kühle transportiert und keine Fehnster aufweist. Davor sehen wir zwei Mädchen mit dem Rücken zur betrachteten Person stehen. Eine hat rotbraune Haare, einen rosa Rucksack und einen rosa Zopfgummi, und enthält in einer Protestbewegung die Faust in die Luft, das andere Mädchen hat einen blauen Rucksack und kürzere schwarze Haare. Sie hält die Friedensgeste in form von zwei gespreizten Fingern in die Luft. Ganz unten in rosa steht der Name der Autorin (Dena Taherianfar), sowie in weiß der Titel des Romans: Das Gefühl der Unnahbarkeit. Die Buchstaben sind dabei fast unauffällig und lenken nicht von dem Cover ab. Das Cover wurde von der Autorin selbst gestaltet. 

 

Für gewöhnlich gehe ich auch auf Punkte ein, die mir nicht gefallen haben. Mir fällt das aber vor den aktuellen Ereignissen extrem schwer. Da möchte jemand Aufmerksamkeit für das gebeutelte Iran erzeugen und ich soll darauf eingehen, dass der Anfang des Plots etwas mehr Tempo vertragen hätte? Nein, das fühlt sich nicht gut an. Der Schreibstil ist sehr flüssig, aber es dauert etwas, bis der Plot in Gang kommt, bzw. bis die Mädchen sich näher kennenlernen. Durch den guten Schreibstil und die spannenden Alltagsbeschreibungen von Noras Leben ist das aber sehr gut verkraftbar. Das wäre wirklich Meckern auf ganz hohen Niveau und dem ernsten Thema unwürdig.

 

Neben der lebhaften Beschreibung einer alltäglichen Familien, wohnhaft in Teheran, und der schönen, zarten ersten Liebe zwischen zwei Mädchen füreinander, hat mir die Einbettung der historischen Einbettung besonders gefallen. Vor jedem Kapitel werden verschiedene Feiertage beschrieben, an denen sich die Geschichte entlanghangelt. Auch das hat mir sehr gut gefallen. Auch die "Frau, Leben, Freiheit"-Proteste, die Umstände, die zu Mahsa Ahminis Tod geführt haben, und queeres Leben im Iran werden gesondert aufgenommen und zwischen den Kapitel erklärend kurz zusammengefasst. Das alles schaffte es, dass den Lesenden stets bewusst bleibt, dass es sich hierbei um mehr als nur eine Liebesgeschichte handelt, sondern um ein Own-Voice-Roman, der erinnern, aufklären, aufmerksam machen will.

 

Dem Buch ist ein längeres Nachwort von Denas Stiefvater Andreas Bolhàr-Nordenkampf angehängt, das mich ebenfalls sehr beeindruckt hat. Neben seinem persönlichen Bezug zum Iran geht er auch nochmal detailliert auf die "Frau, Leben, Freiheit-Proteste" ein. Das hat mir sehr geholfen, nach dem doch sehr aufwühlenden Ende der Geschichte von Nora und Ava etwas runterzukommen.

 

Nora ist eine wundervolle, starke Frauenfigur, die ich im Laufe des Lesens sehr ins Herz geschlossen habe. Sie ist sehr mutig und hat mir einiges voraus. Sie ist erst 15 Jahre alt, verliebt sich in einem queerfeindlichen Land in ihre Mitschülerin und verleugnet sich selbst trotzdem nicht. Dass sie offen mit ihren Eltern spricht und wie diese im Zuge der weiteren Ereignisse damit umgehen, hat mich sehr beeindruckt. Auch Ava hat mich als Figur sehr beeindruckt, auch wenn der Fokus auf Nora ruht.

 

Das Buch ist sehr wichtig und sollte meiner Meinung nach von jedem gelesen werden. Es verdient viel viel viel mehr Aufmerksamkeit, als es bisher erhalten hat. Dennoch möchte ich empfehlen, bei Bedarf die Content-Notes zu beachten, da teilweise echt harte Dinge im Lauf der Geschichte passieren und auf wahre historische + aktuelle Ereignisse basieren. Mich hat Denas Geschichte sehr berührt und beeindruckt und ich werde das Buch mit Sicherheit noch lange im Herzen tragen. Ich bin sehr dankbar für den Einblick, den ich so in den iranischen Alltag erhalten habe und bin jetzt noch mehr als zuvor beeindruckt von den zumeist jungen und häufig weiblichen Protestierenden. Ich wünsche dem iranischen Volk so sehr das Beste und hoffe, dass es nicht erst schlechter werden muss, bevor es besser wird. Weil am Ende - das spüre ich - wird der Iran frei sein!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0